Winzige Schwergewichte des Waldes: Auf Expedition zu Europas größten Käfern

Gestern habe ich mir einen lang gehegten Wunsch erfüllt: eine geführte Abend-Exkursion zu den seltenen Hirschkäfern.

Los ging es am späten Nachmittag auf einem kleinen Parkplatz, den man ohne Ortskenntnis glatt übersehen würde. Dort wartete bereits der Gebietsbetreuer auf uns. Kaum hatte er unsere Namen abgehakt, packte er erst einmal die Brotzeit aus. Auf der naheliegenden Parkbank entstand in Windeseile ein Buffet aus Olivenbrot, Gemüsebällchen, Bergkäse und einem Wein, speziell in einem Eichenfass gereift. Warum genauer so ein Wein? Ja das wurde uns erklärt da die Hirschkäfer total auf alte Wälder mit Eichenbestände abfahren. Die zünftige Stärkung brachte die kleine Gruppe sofort zum Plaudern, und während wir das Brot aßen, erzählte unser Guide von den „Königen der Käfer“, die wir heute aufspüren wollten. Jahrzehntelang wurden alte, lichte Eichen gefällt, Totholz aufgeräumt und die Landschaft von Wegen und Straßen durchschnitten – allesamt Eingriffe, die den Larven ihre jahrelangen Kinderstuben aus morschem Wurzelholz rauben. So sind Hirschkäfer heute strenger EU-weit geschützter Bio-Indikator für intakte, strukturreiche Laubwälder.

Gestärkt und voll Vorfreude machten wir uns danach auf den Weg zu den Waldsäumen rund um den Parkplatz. Dort, so erklärte man uns, halten sich Hirschkäfermännchen besonders gern auf. Anfangs wirkte der Waldrand unspektakulär: Brombeergebüsch, leuchtende Wald-Margeriten, singende Buchfinken. Doch plötzlich vibrierte die Luft hörbar, als wollte jemand ein ferngesteuertes Spielzeugflugzeug starten. Ein erster Hirschkäfer zog seine Kreise – und zwar noch bei vollem Tageslicht! Sein dunkler Körper glänzte und es brummte richtig laut. Ich spürte, wie mein Puls vor Spannung in die Höhe stieg, weil ich noch nie so einen Hirschkläfer gesehen hatte und so früh hatten wir auch noch gar nicht damit gerechnet.

Kaum hatten wir einige Schritte zurückgelegt, tauchten weitere fliegende Käfer auf – diesmal Männchen im Sturzflug, die in der Dämmerung nach Rivalen suchten. Ihr dumpfes, fast motorisches Brummen ließ mich unwillkürlich den Kopf einziehen, so wuchtig wirkten die Tiere. Dann endlich das, worauf alle gewartet hatten: eine genaue Inspektion aus nächster Nähe. An einem morschen Eichenstumpf kletterte ein riesiges Männchen gemächlich den Stamm hinauf. dort wartete bereits der Rivale und wir konnten sogar einen kurzen Kampf der beiden beobachten. Wie weit diese Kiefer tatsächlich aufklappen können, sahen wir, als zwei Männchen sich kurz in einem ritterlichen Schubsen verhakten.

Langsam kroch die Dunkelheit zwischen die Bäume, und der Himmel färbte sich von Orange zu Kirschrot. Genau in diesem Lichtzauber ereignete sich das Highlight des Abends: Ein ausgewachsenes Hirschkäfermännchen erklomm einen querliegenden Stamm, stellte sich in heroischer Pose auf die Rinde und verharrte, als wüsste es, dass gerade alle Kameras auf es gerichtet waren. Hinter ihm leuchtete der Himmel, als hätte jemand eine rot-orange Laterne angeknipst. Ich drückte den Auslöser und wusste sofort, dass dieses Bild einen Ehrenplatz bekommen würde.

Das Hirschkäfer-Männchen saß perfekt Richtung Abendrot.

Erst als die letzten Farbreste aus dem Himmel wichen, traten wir den Rückweg an. Mein Rucksack war zwar leichter – die Brotzeitreste hatten längst den Besitzer gewechselt –, dafür war mein Kopf randvoll: mit dem Duft nach Totholz, dem surrenden Bass der Käferflügel und der Faszination welche diese Eindrucksvollen Tiere an einen weitergeben.

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Zwischen Felsenschwalben und weißen Rehen - Unterwegs mit der GDT Regionalgruppe 15

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Wenn eine kleine Wiese plötzlich voller Wunder steckt